Zum Schreibtisch
Janet Evanovich
Stephanie-Plum-Reihe
Janet Evanovich - Kalt erwischt

Scharfe / Schwere Jungs und heiße Bräute

Rezension von Ulrike Künnecke zu "Kalt erwischt"


Stephanie Plum arbeitet als Detektivin im Kautionsbüro ihres Vetters Vinnie. Gemeinsam mit der ehemaligen Prostituierten Lula versucht die junge Kopfgeldjägerin, säumige Verbrecher aufzuspüren. Stephanie hat ein turbulentes Leben, insbesondere was Männer angeht. Joe Morelli ist der Mann, der jeden Freitagabend mit zu ihren Eltern zum Essen geht, ein gutaussehender smarter Polizist, den Stephanie bereits aus der Schulzeit kennt. Eigentlich gäbe es keinen Grund, nicht sofort mit ihm zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen. Gäbe es da nicht Ranger.

Wahnsinn
"Majorie stand mit einem Pappkarton in der Hand und heruntergeklappter Kinnlade hinter der Theke. "Wahnsinn", sagte sie. Mir entfuhr ein Stoßseufzer; Majorie hatte recht, Ranger war definitiv der Wahnsinn. Er war einen halben Kopf größer als ich, hatte perfekte geformte Muskeln und sah supergut aus, wie der klassische Latino. Er roch immer gut, und er trug nur Schwarz. Seine Haut war dunkel. Sein Haar war dunkel. Sein Leben war dunkel. Ranger hatte viele Geheimnisse."

Stephanie und der einsame Wolf
Ranger übt eine unwiderstehliche Anziehungskraft auf Stephanie aus, die von Zeit zu Zeit auch beruflich mit ihm zu tun hat. Doch Ranger ist der Typus "einsamer Wolf", und die Beziehung der beiden bleibt ebenso erotisch aufgeladen wie auf sporadische Begegnungen beschränkt. Umso erstaunter ist Stephanie, als sie eines Tages von einer Frau verfolgt und bedroht wird, die behauptet, Rangers Frau zu sein. Ranger ist nicht erreichbar, um die Situation aufzuklären, und Stephanie sieht sich immer massiver von der Unbekannten terrorisiert. Nebenbei allerdings hat sie ihre ganz normale Arbeit als Kautionsdetektivin zu erledigen, die eigentlich auch so schon bunt und aufregend genug ist:

Sextoys und Dessous
"Caroline Scarzolli war noch ganz vielversprechend: Ladendiebin, niedrige Kaution, Ersttäter, arbeitete in einem Laden für Sextoys und Dessous. Ich gab Lula die Akte. 'Wie wäre es mit der?' ... Laut Kautionsvereinbarung war Caroline zweiundsiebzig Jahre alt. Ihre Haut war wie Krokodilleder, und ihr blond gefärbtes Haar oben zu einem Knoten zusammengebunden ... Sie trug orthopädische Schuhe, Netzstrümpfe, ein enges Miniröckchen und ein knappes Tanktop, das jede Menge faltiges Brustfleisch erkennen ließ. 'Na gut. Du bist ja ganz scharf darauf, dir die Alte zu greifen. Wie wär's, wenn wir erst bezahlen, und ihr dann mit der schlechten Nachricht kommen?' 'Abgemacht.' Lula ging mit dem Dildo und der DVD zur Kasse und gab Caroline ihre Kreditkarte. 'Okay', sagte sie zu mir. 'Dein Auftritt'."

Ranger verzweifelt gesucht
Dann plötzlich überschlagen sich die Ereignisse. Carmen Manoso, Rangers angebliche Frau, wird ermordet in ihrem Auto aufgefunden. Und Julie, Rangers zehnjährige Tochter, wird entführt. Julie ist das Ergebnis eines One-Night-Stands mit einem katholischen Mädchen; die beiden hatten damals geheiratet und sich umgehend wieder scheiden lassen. Nun fehlt jede Spur von Julie - außer der Beschreibung ihres Entführers: ein schwarzgekleideter, ziemlich gutaussehender muskulöser Latino. Ranger? Die Fahndung läuft an, die Polizei ist nun auf der Jagd nach Ranger. Doch Stephanie glaubt nicht an die Schuld ihres Geliebten und beginnt auf eigene Faust mit Nachforschungen.

Die Sucht nach mehr
Die amerikanische Bestsellerautorin Janet Evanovich hat mit Stephanie Plum eine so prall lebendige Heldin geschaffen, dass man ihr auch im mittlerweile zwölften Fall "Kalt erwischt" folgt, als wäre es der erste. In lockerem Stil fängt Evanovich die schrill-skurrile Umgebung Stephanies ein, Spannung und Humor sind dabei mit einer kräftigen Prise Erotik gewürzt. Diese heiße Krimikomödie dürfte genau das Richtige für die kommenden Sommerabende sein, und wirkt erfrischend wie ein prickelndes Glas Sekt in schwüler Hitze. Das Gute dabei: Auch nach dem Ende des Buches, bleibt es spannend, denn wer einmal in Stephanies Universum eingetaucht ist, der kommt davon mit Sicherheit nicht so schnell wieder los. Da freut sich der frischgebackene Stephanie-Plum-Fan auf die ersten elf Fälle, und langjährigen Evanovich-Freundinnen bleibt die Aussicht auf das nächste Abenteuer.

Ulrike Künnecke
Literaturtest
Berlin, Mai 2008

 

 

Janet Evanovich - Reine Glückssache

Das Prinzessinnenhandbuch

Rezension von Sabine Höfer zu "Reine Glückssache"


Wir Frauen haben es gar nicht schlecht. Wir können ruhig verhuscht und ungeschickt und insgesamt eine Katastrophe sein - irgendeinen gibt es doch, der unsere Waschmaschine repariert, das verstopfte Klo in Ordnung bringt oder uns aus der Patsche hilft. Im normalen Leben dürfen wir ruhig ungekämmt sein und zuviel reden, wir dürfen sogar T-Shirts mit der Aufschrift Sackratten tragen, wenn es nur einen oder nach Möglichkeit mehrere gibt, die wissen, wie wir aussehen, wenn wir ein kurzes Kleid anhaben und Stilettos. Und die Männer, die davon wissen, tun dann alles, um Aschenputtel noch mal und möglichst oft als Prinzessin erleben zu dürfen.
Und alles heißt tatsächlich A L L E S.

Wenn es eine gibt, die das begriffen hat und zu nutzen versteht, dann ist es Stephanie Plum, die Heldin in Janet Evanovichs Roman "Reine Glückssache". Die ist nicht eben ein Ausbund an Integrität und Zielstrebigkeit. Eher so eine kleine Schlampe auf der Suche nach dem ultimativen Abenteuer. Von Beruf ist sie Kopfgeldjägerin. Sie verdient sich ihre Pop Tarts zum Frühstück nämlich damit, dass sie für die Agentur ihres ekligen Vetters Vinnie Kautionsflüchtlinge einfängt und sie der Polizei überstellt. Stephanie lebt mit ihrem Hamster in einem Mehrfamilienhaus in einem Stadtviertel von Trenton, New Jersey, das nicht besonders angesagt ist. Immerhin bemüht sie sich um Komfort und Ordnung, so hat der Hamster eine Campbell-Tomatensuppen-Dose als Wohnzimmer, und Stephanie hat, wenn auch keine anständige Beziehung, so doch eine anständige Bettgeschichte mit dem Polizisten Joe Morelli, einem unverschämt gut aussehenden Italiener, der leider ohne Mama und hellseherische Oma nicht zu haben war.

Die beiden Herzchen haben es drauf, im Morgengrauen vorbei zu kommen, um Morelli sein Lieblingsbrot zu bringen und Stephanie zu melden, laut einer Vision, die die Oma neulich gehabt habe, werde sie, Stephanie, in den nächsten Tagen eines grausamen Todes sterben. Sie sind nicht begeistert davon, dass Stephanie und der Hamster vorübergehend bei ihrem Goldjungen eingezogen sind. Aber Stephanie hat keine Wahl, sie braucht männlichen Schutz, man bedroht sie: weiße und rote Nelken in ihrer Wohnung, daneben Fotos einer Leiche. Und bei Morelli hat sie's fein, bekommt nachts Oralsex und morgens Kaffee.

Tagsüber wird sie von einem anderen Mann hingebungsvoll betreut, von Ranger, einem Söldner, der wahnwitzig männlich ist und ziemlich schlecht angezogen und der auch schon mal Leute umgebracht haben soll, wenn's Not tat. Stephanie hat eine einzige Nacht mit dem passionierten Single verbracht, an die sie sich gern und oft erinnert. Morelli erinnert sich weniger gern an diese Nacht und hasst es, wenn Ranger, den er für einen Gangster hält, in Stephanies Nähe ist. Die ihrerseits findet einen Abstand von zehn bis zwanzig Zentimetern groß genug.

Zu Morellis Leidwesen haben die beiden nun auch noch einen gemeinsamen Auftrag: Sie sollen für den ekligen Vinnie einen Kautionsflüchtling auftreiben. Samuel Singh, ein Inder, ist seit einer Woche verschwunden. Stephanie macht sich auf die Spur des Mannes und stolpert sofort über jede Menge Leichen. Jemand scheint sich einen Spaß daraus zu machen, jeden, möglichst noch vor ihren Augen, zu erschießen, den sie zu dem Fall befragen will. Stephanie hat Angst. Die Bodyguards, die Ranger zu ihrem Schutz abstellt, haben allmählich auch Angst. Stephanie sieht zwar großartig aus, vor allem, wenn sie sich eine Stunde lang gestylt hat, aber sie ist unaufmerksam, blauäugig und ziemlich nassforsch. Sie verschleißt auf diese Weise mehrere von Rangers Männern, bis Ranger selbst ihr nicht mehr von der Seite weicht, was beide ausgesprochen genießen.

Stephanies Kollegin Lula, eine recht nuttige aber handfeste und lebenskluge Exprostituierte, ist bei der Suche nach dem Inder keine große Hilfe, sie ist etwas matt wegen einer martialischen Eiweiß-Fett-Diät, mit der sie die 50 Kilo abnehmen will, die sie für eine Modelfigur zu viel auf den Hüften hat. Aber sie ermittelt tapfer an Stephanies Seite und frisst halbstündlich größere Mengen fettes Fleisch.

Stephanie hat bislang keinen Anhaltspunkt, wo der verschwundene Inder sein könnte und warum sie selbst bedroht wird. Dann führt eine Spur nach Las Vergas, wohin sich Samuel Singh vor seiner tyrannischen Vermieterin und einer drohenden Zwangsheirat geflüchtet zu haben scheint, um endlich ein freier Mann zu werden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, und ehe sie die ganze Wahrheit herausbekommt, sind einige Menschen tot. Stephanie fehlt, wenn nicht das Leben, so doch zumindest ein Haarbüschel, das der irrsinnige Mörder als Trophäe mitgenommen hat. Und ist für eine richtige Frau eine ruinierte Frisur nicht beinahe ebenso schlimm, wie der Verlust des Lebens ...?

Natürlich kann Stephanie den Fall aufklären, der eigentlich aus zwei Fällen besteht. Der Leser hat bis zum Schluss keine Ahnung, was hier von wem gespielt wird. Das eigentlich aufregende an diesem geschickt konstruierten Krimi aber ist seine Heldin Stephanie Plum, der Bruce Willis der Frauenliteratur: schön, raubeinig und lüstern. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass sie hin und wieder keine frische Wäsche anhat und nach Schweiß riecht. Sie spricht den witzigsten Gossenjargon, den man je gehört hat. Aber wenn sie einen starken Mann an ihrer Seite braucht, zieht sie sich was richtig Nettes an und ist ganz Prinzessin.

Sabine Höfer
München, Mai 2005