
Stephanie Plum arbeitet als Detektivin im Kautionsbüro ihres Vetters Vinnie. Gemeinsam mit der ehemaligen Prostituierten Lula versucht die junge Kopfgeldjägerin, säumige Verbrecher aufzuspüren. Stephanie hat ein turbulentes Leben, insbesondere was Männer angeht. Joe Morelli ist der Mann, der jeden Freitagabend mit zu ihren Eltern zum Essen geht, ein gutaussehender smarter Polizist, den Stephanie bereits aus der Schulzeit kennt. Eigentlich gäbe es keinen Grund, nicht sofort mit ihm zusammenzuziehen und eine Familie zu gründen. Gäbe es da nicht Ranger.
Ulrike Künnecke
Literaturtest
Berlin, Mai 2008
Wir Frauen haben es gar nicht schlecht. Wir können ruhig verhuscht und
ungeschickt und insgesamt eine Katastrophe sein - irgendeinen gibt es doch, der
unsere Waschmaschine repariert, das verstopfte Klo in Ordnung bringt oder uns
aus der Patsche hilft. Im normalen Leben dürfen wir ruhig ungekämmt sein und
zuviel reden, wir dürfen sogar T-Shirts mit der Aufschrift Sackratten tragen, wenn
es nur einen oder nach Möglichkeit mehrere gibt, die wissen, wie wir aussehen,
wenn wir ein kurzes Kleid anhaben und Stilettos. Und die Männer, die davon
wissen, tun dann alles, um Aschenputtel noch mal und möglichst oft als Prinzessin
erleben zu dürfen.
Und alles heißt tatsächlich A L L E S.
Wenn es eine gibt, die das begriffen hat und zu nutzen versteht, dann ist es Stephanie Plum, die
Heldin in Janet Evanovichs Roman "Reine Glückssache". Die ist nicht eben ein Ausbund an Integrität
und Zielstrebigkeit. Eher so eine kleine Schlampe auf der Suche nach dem ultimativen Abenteuer. Von
Beruf ist sie Kopfgeldjägerin. Sie verdient sich ihre Pop Tarts zum Frühstück nämlich damit, dass sie
für die Agentur ihres ekligen Vetters Vinnie Kautionsflüchtlinge einfängt und sie der Polizei überstellt.
Stephanie lebt mit ihrem Hamster in einem Mehrfamilienhaus in einem Stadtviertel von Trenton, New
Jersey, das nicht besonders angesagt ist. Immerhin bemüht sie sich um Komfort und Ordnung, so hat
der Hamster eine Campbell-Tomatensuppen-Dose als Wohnzimmer, und Stephanie hat, wenn auch
keine anständige Beziehung, so doch eine anständige Bettgeschichte mit dem Polizisten Joe Morelli,
einem unverschämt gut aussehenden Italiener, der leider ohne Mama und hellseherische Oma nicht
zu haben war.
Die beiden Herzchen haben es drauf, im Morgengrauen vorbei zu kommen, um Morelli sein
Lieblingsbrot zu bringen und Stephanie zu melden, laut einer Vision, die die Oma neulich gehabt
habe, werde sie, Stephanie, in den nächsten Tagen eines grausamen Todes sterben. Sie sind nicht
begeistert davon, dass Stephanie und der Hamster vorübergehend bei ihrem Goldjungen eingezogen
sind. Aber Stephanie hat keine Wahl, sie braucht männlichen Schutz, man bedroht sie: weiße und rote
Nelken in ihrer Wohnung, daneben Fotos einer Leiche. Und bei Morelli hat sie's fein, bekommt nachts
Oralsex und morgens Kaffee.
Tagsüber wird sie von einem anderen Mann hingebungsvoll betreut, von Ranger, einem Söldner, der
wahnwitzig männlich ist und ziemlich schlecht angezogen und der auch schon mal Leute umgebracht
haben soll, wenn's Not tat. Stephanie hat eine einzige Nacht mit dem passionierten Single verbracht,
an die sie sich gern und oft erinnert. Morelli erinnert sich weniger gern an diese Nacht und hasst es,
wenn Ranger, den er für einen Gangster hält, in Stephanies Nähe ist. Die ihrerseits findet einen
Abstand von zehn bis zwanzig Zentimetern groß genug.
Zu Morellis Leidwesen haben die beiden nun auch noch einen gemeinsamen Auftrag: Sie sollen für
den ekligen Vinnie einen Kautionsflüchtling auftreiben. Samuel Singh, ein Inder, ist seit einer Woche
verschwunden. Stephanie macht sich auf die Spur des Mannes und stolpert sofort über jede Menge
Leichen. Jemand scheint sich einen Spaß daraus zu machen, jeden, möglichst noch vor ihren Augen,
zu erschießen, den sie zu dem Fall befragen will. Stephanie hat Angst. Die Bodyguards, die Ranger
zu ihrem Schutz abstellt, haben allmählich auch Angst. Stephanie sieht zwar großartig aus, vor allem,
wenn sie sich eine Stunde lang gestylt hat, aber sie ist unaufmerksam, blauäugig und ziemlich
nassforsch. Sie verschleißt auf diese Weise mehrere von Rangers Männern, bis Ranger selbst ihr
nicht mehr von der Seite weicht, was beide ausgesprochen genießen.
Stephanies Kollegin Lula, eine recht nuttige aber handfeste und lebenskluge Exprostituierte, ist bei der
Suche nach dem Inder keine große Hilfe, sie ist etwas matt wegen einer martialischen Eiweiß-Fett-Diät, mit der sie die 50 Kilo abnehmen will, die sie für eine Modelfigur zu viel auf den Hüften hat. Aber
sie ermittelt tapfer an Stephanies Seite und frisst halbstündlich größere Mengen fettes Fleisch.
Stephanie hat bislang keinen Anhaltspunkt, wo der verschwundene Inder sein könnte und warum sie
selbst bedroht wird. Dann führt eine Spur nach Las Vergas, wohin sich Samuel Singh vor seiner
tyrannischen Vermieterin und einer drohenden Zwangsheirat geflüchtet zu haben scheint, um endlich
ein freier Mann zu werden. Aber das ist nur die halbe Wahrheit, und ehe sie die ganze Wahrheit
herausbekommt, sind einige Menschen tot. Stephanie fehlt, wenn nicht das Leben, so doch zumindest
ein Haarbüschel, das der irrsinnige Mörder als Trophäe mitgenommen hat. Und ist für eine richtige
Frau eine ruinierte Frisur nicht beinahe ebenso schlimm, wie der Verlust des Lebens ...?
Natürlich kann Stephanie den Fall aufklären, der eigentlich aus zwei Fällen besteht. Der Leser hat bis
zum Schluss keine Ahnung, was hier von wem gespielt wird. Das eigentlich aufregende an diesem
geschickt konstruierten Krimi aber ist seine Heldin Stephanie Plum, der Bruce Willis der
Frauenliteratur: schön, raubeinig und lüstern. Man liegt sicher nicht falsch, wenn man vermutet, dass
sie hin und wieder keine frische Wäsche anhat und nach Schweiß riecht. Sie spricht den witzigsten
Gossenjargon, den man je gehört hat. Aber wenn sie einen starken Mann an ihrer Seite braucht, zieht
sie sich was richtig Nettes an und ist ganz Prinzessin.
Sabine Höfer
München, Mai 2005